Ramie, Grasleinen, Grascloth
Lange Zeit vor der Baumwolle wurden schon aus den Stängeln der chinesischen und indischen Nessel Weichfasern gewonnen. Heute wird noch in China, Brasilien, Indonesien und auf den Philippinen Ramie angebaut und zu feinen, seidenartigen Garnen in Leinen-Charakter verarbeitet. Allerdings ist die Gewinnung der Faser sehr aufwändig was die Ramie relativ teuer macht.
Fasergewinnung:
Nach dem Schneiden der bis zu 3 Meter hohen Nessel-Stengel werden diese entlaubt und anschließend von der Rinde befreit. Diese Rohfaser wird als Chinagras bezeichnet und muß noch entbastet werden. Die Fasern werden in verdünnter Lauge herausgelöst, getrocknet, gebrochen, geschwungen und nach Bedarf gehechelt*. Die mehrjährige Nessel (bis zu 20 Jahre) liefert den höchsten Ertrag aller Stängelfasern und kann ab dem 2.Jahr zur Fasergewinnung genutzt werden. Ab dem 3 Jahr sind bis zu 3 Schnitte (Ernten) der Nessel im Jahr möglich.
Die Ramie ist die stabilste aller Naturfasern und kann bis zu 20 % Feuchtigkeit aufnehmen. Ramie hat, im Vergleich zu Leinen, weniger Neigung zum Knittern und mehr Lufteinschlüsse. Lediglich die Elastizität der Ramie läßt zu wünschen übrig.
Verwendung:
Aufgrund seiner Festigkeit, Haltbarkeit und seidigem Glanz wurden früher aus Ramie Unterkleider, Bänder für Damenhüte, Passamenterie-Artikel**, Perkals, Umhängetücher und Möbelstoffe hergestellt. Aber auch Feuerwehrschläuche, Fischnetze und Seilerwaren wurden aus Ramie produziert.
Die Ramie erlebt zur Zeit eine kleine Renaissance und soll auch in der Kraftfahrzeugproduktion seine Verwendung finden.
Ramie-Kleidung ist äußerst angenehm zu tragen (haben wir getestet), sehr strapazierfähig, seidig glänzend und hat einen angenehmen, feinen Eigengeruch.
Man muß sich fragen warum (noch?) keine Bettwäsche, keine Bettwaren aus Ramie angeboten werden.
*hecheln:
Auskämmen und dadurch verfeinern von Pflanzenfasern auf einer Nadelleiste bzw. einem Nadelfeld. Wird heute mit einer Hechelmaschine durchgeführt.
** Passementerie, Passemente, Posamente:
Kunstvoll gewobene Borten, Tressen, Fransen, Quasten, überzogene Knöpfe und vieles mehr.
Quellen:
Meyers Konversations-Lexikon 1909
Naturfaser-Lexikon - Prof. Dr: Anton Schenek ISBN 3-87150-638-9


